Think Camp: Zukunft der Gesundheitsversorgung

Was treibt den Nachwuchs im Gesundheitswesen um? Das wollte vom 19.-21.6. die Stiftung Münch beim zweiten Think Camp 2017 in Berlin herausfinden. Philipp Künkel aus dem Orgateam des Care Camp Köln schildert im heutigen Gastbeitrag, welche Gedanken zur Gesundheitsversorgung von morgen den jungen Talenten beim Think Camp 2017 kamen.

Aus Erfahrung wird man klug – aber für Veränderungen muss man alte Denkmuster über Bord werfen.“  Das ist der Einleitungssatz zum Think Camp der Stiftung Münch. 16 Teilnehmende trafen sich vom 19.-21. Mai zum zweiten Think Camp 2017 in Berlin. Auch wenn der Name daran erinnert, handelt es sich dabei nicht um ein Barcamp. Es ist vielmehr ein Thinktank, also eine Denkfabrik. Dieses Mal ging es um die Frage „Welche neuen Berufe braucht die Gesundheitsversorgung von morgen?“

Ich habe zum ersten Mal am Think Camp teilgenommen und kann es gar nicht oft genug sagen: Es war eine großartige Veranstaltung! Der Austausch und die interessanten Vorträge wurden von Prof. Dr. Boris Augurzky, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Stiftung Münch und Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ beim RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, und Annette Kennel von der Stiftung Münch kompetent geleitet und von leckerem Essen sehr schön eingerahmt. Die Stiftung Münch beschäftigt sich mit der Förderung von Wissenschaft und Forschung für das öffentliche Gesundheitswesen. Kernstück bildet dabei das Konzept der Netzwerkmedizin von Gründer Eugen Münch. Um neue Ideen zu erhalten, lädt die Stiftung dreimal im Jahr zu Think Camps mit wechselnden Themen ein.

Das Think Camp bestand aus zwei Abschnitten: Fachvorträge und Brainstorming in Arbeitsgruppen. An den ersten anderthalb Tagen haben wir von Prof. Dr. Achim Jockwig (Medizin), Dr. Patrick Jahn (Pflege), Martin U. Müller (Journalismus) und Prof. Dr. Christian Lovis (Medizininformatik) einen Überblick über die notwendige Entwicklung neuer Berufsbilder im Gesundheitssystem bekommen.

Prof. Dr. Jockwig stellte uns insbesondere das Berufsbild „Physician Assistance“ (PA) vor. Das gibt es schon seit den 60-er Jahren in den USA. Beruflich angesiedelt ist der/die PA zwischen Pflege und ärztlichem Dienst. Aufgaben der PA sind z.B. die Dokumentation, Vor- und Nachbereitung von Visiten und die Kommunikation mit den Angehörigen. So sollen überwiegend die Ärzte, aber auch die Pflegekräfte in ihrer Hauptaufgabe unterstützt werden.

Auf der Weiterentwicklung von Pflege und Pflegeausbildung lag der Fokus von Dr. Jahn. Das bewährte dreijährige Ausbildungssystem kommt an seine Grenzen. In seiner jetzigen Struktur kann es das notwendige Wissen nicht mehr adäquat vermitteln. Ziel müsse der Umbau der Ausbildung in ein praxisnahes Studium sein, um so transformatives Lernen zu ermöglichen.

Der Journalist Martin U. Müller schilderte uns, was mit der heutigen Technologie und Algorithmen möglich ist. Mit Hilfe von Tools zur Social Media Analyse wie beispielsweise ScatterBlogs kann Traffic an Geokoordinaten überwacht werden.  Steigt er ungewöhnlich schnell an, gibt das System eine Meldung aus. So können zum Beispiel Rettungskräfte vor Eintreffen eines Notrufs disponiert bzw. eine Lageeinschätzung durch die Leitstelle vorgenommen werden.

Prof. Dr. Lovis von den University Hospitals of Geneva/Schweiz zeigte uns auf, was Big Data und Artificial Intelligence (AI) für unseren zukünftigen Alltag bedeuten können. Auf der Plattform PubMed wurden im Jahr 2016 rund 3.000 Paper pro Tag veröffentlicht. Möchte man also umfassend informiert sein, müsste man etwa 9 Paper am Tag lesen. Aber wer kann das schon bzw. könnte sich alles merken? Mittels AI werden diese Daten nun analysiert und aufbereitet, sodass die Informationen von Menschen genutzt werden können. Allerdings sollten solche Ergebnisse von uns Menschen immer hinterfragt werden.  Denn was ist, wenn die Daten, mit denen die AI lernt, größtenteils unbrauchbar sind? Wenn Forschungsergebnissen nicht reproduzierbar sind? Oder Zusammenhänge angezeigt werden, wo keine bestehen (Stichworte Korrelation und Kausalität)?

In der von Prof. Dr. Lovis vorgestellten Zukunft wird sich unser Gesundheitssystem grundlegend durch den technischen und medizinischen Fortschritt verändern. Pflege und medizinische Versorgung sind in Zukunft nicht mehr zentralisiert an einem Ort zu finden. Es wird sie stattdessen an vielen Orten im ganzen Land, als eine bürgerzentrierte Versorgung, geben. Es  wird zunehmend wichtig sein, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Gesundheitsdaten richtig zu interpretieren.

Nach diesen Vorträgen wurden von den Teilnehmenden drei Arbeitsgruppen gebildet, die unabhängig voneinander neue Berufsbilder entwickelten. Obwohl die Vorschläge alle unterschiedlich waren, gab es Gemeinsamkeiten:

  • Ärzte und Pflegekräfte werden sich zukünftig mehr auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.
  • Patienten werden am Behandlungsprozess mitwirken.
  • Neue Berufskräfte werden beratende und assistierende Tätigkeiten übernehmen.

Das Projekt meiner Gruppe werde ich in einer Session auf dem Care Camp vorstellen. Alle Gruppenergebnisse wird es bald auf der Internetseite der Stiftung Münch geben.

Philipp Künkel (Köln)

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